Offener Brief an die Stadt Neckarsulm – oder: wie wir unseren Kitaplatz nach nur 9 Monaten wieder aufgeben mussten

Liebe Stadt Neckarsulm! Und liebes Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend!

Ich arbeite seit ziemlich genau 12,5 Jahren in Neckarsulm. 12,5 Jahre, in denen ich zu den Steuereinnahmen einer Stadt beitrage, die neben meinem Arbeitgeber noch zahlreiche weitere ortsansässige Unternehmen wie z. B. AUDI, Lidl & Schwarz oder Bechtle beheimatet und dabei mehr Angestellte als Einwohner hat. Somit alles ist, nur keine arme Stadt. Linus hat seit April 2016 eine nette kleine Kita mit privatem Träger in Neckarsulm besucht – obwohl wir im 5km entfernten Nachbarort Bad Friedrichshall wohnen. Weil ich hier arbeite, weil die Betreuungszeiten toll waren, weil die Kita unsere Wunschkita war und einen guten Eindruck gemacht hat und weil ich ihn so ganz schnell innerhalb von 5 Minuten abholen konnte, wenn mal was war.

Nur 4 Monate später wurde ich zu einem außerordentlichen Elternabend eingeladen. Der Elternabend, in dem mir und zahlreichen anderen Eltern gesagt wurde, dass die Kita ein dickes Minus verzeichnet und dringend auf kommunale Förderung angewiesen ist. Dass die Stadt Neckarsulm aber nicht bereit ist, eine Förderung für Kinder an die Kita beizusteuern, die nicht zur Gemeinde gehören. Der prozentuale Anteil der Kinder solle bis zum Schulanfang 2017 auf maximal 10% gesenkt werden, nur dann würden Sie fördern. Eine Schonfrist gebe es zwar für Kinder, die 2018 eingeschult werden, die dürften bleiben, aber alle anderen sollen bitte die Kita verlassen.

BÄÄÄÄM!

Liebe Stadt Neckarsulm, haben Sie eine Vorstellung davon, was das vor allem für die Kinder bedeutet? Unsere Familie hat noch Glück, der Träger bietet an, die Kinder problemlos an anderen Standorten aufzunehmen und der andere Standort ist für uns ebenso leicht erreichbar. Andere Mütter sind beinahe verzweifelt, denn sie können ihr Kind nicht erst kilometerweit durch die Gegend fahren, wie es nun von ihnen verlangt wird mangels Alternativen. Diese eine Sorge haben wir wenigstens nicht. Aber: Mein Sohn ist noch so klein und schon soll er sich erneut auf eine komplett neue Umgebung einstellen? Haben Sie Kinder? Können Sie sich vorstellen, was von uns verlangt wird nachdem wir kurz zuvor erst aufgenommen wurden in dieser so wichtigen prägenden Zeit als Kleinkind? Echt jetzt, wir müssen gehen, obwohl wir uns lange vorher auf diesen Kitaplatz beworben und ihn auch bekommen haben? Weil Sie keine „fremden“ Kinder, wohlgemerkt aus dem Nachbarort fördern wollen? Nur ganz nebenbei: Unser Ort fördert übrigens auch, wenn Kinder aus Neckarsulm in Kitas bei uns betreut werden.

Liebes Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, warum kann so etwas überhaupt kommunale Sache sein? Warum ist es auch 2017 noch immer so ein riesiger Unterschied, in welcher Gemeinde ich wohne? Sind nicht gerade unsere Kinder die Zukunft von morgen und sollten mehr als alle anderen gleichermaßen und ohne Hinblick auf ihren Wohnort gefördert werden? Machen Sie nicht einen Teil der Familienförderung damit sogar wieder zunichte, wenn Familie A in Wohnort X ihr Kind gebührenfrei in die Kita schicken kann, während Familie B in Wohnort Y mit der Arbeit gerade so die Kitagebühren wieder erwirtschaftet?

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich bin sehr dankbar für die Familienförderung ich glaube auch, dass sie richtig und wichtig für unser Land ist! Aber auch bei uns geht ein guter Teil des Gehaltes für die Betreuung drauf, und ich muss mich noch mit den kommunalen Gegebenheiten zufrieden geben. Sie können natürlich nichts dafür, dass sich das im Falle unserer privaten Einrichtung so auf uns ausgewirkt hat. Aber solche Missstände gibt es hierzulande leider überall. Daher bin ich der Meinung, ein einheitliches Kita-Gesetz muss her! Aber während wegen Studiengebühren die Menschen auf die Barrikaden gingen, wo es sich um 500 EUR pro Semester handelte, ist die Kita-Problematik, bei der es um weit mehr Geld geht, leider etwas komplexer und trifft vor allem junge Familien, die Sie doch fördern möchten. Ich persönlich denke auch, die Chancengleichheit spielt in dem jungen Alter bereits eine ähnlich große Rolle wie später beim Studium in Hinblick auf Bildung und zumindest der Möglichkeit aller Eltern gleichermaßen, entscheiden zu können, ob ihr Kind mit anderen Kindern zusammen kommt und es zu fördern, ohne große regionale Unterschiede.

Inzwischen hat uns die Kita ein neues Angebot gemacht. Wir hätten bleiben dürfen, wenn wir bereit wären, monatlich 100 EUR mehr zu bezahlen als bisher – und 100 EUR mehr als die Eltern Neckarsulmer Kinder. Aber da hatten wir schon den Vertrag in der neuen Kita in unserem Wohnort unterschrieben, in die Linus jetzt auch seit einigen Tagen glücklich geht und uns fällt ein bisschen ein Stein vom Herzen!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.