Der erste Tag in Sri Lanka mit Kind: Der volle Kulturschock!

Das Flugzeug setzt ruhig auf dem Boden auf. Aus dem Fenster erkenne ich die ersten Palmen. Die Nacht ist gerade vorbei, wir haben kaum geschlafen. Es ist 8 Uhr Ortszeit. Ziemlich erschöpft, aber gespannt starte ich in den Tag und freue mich auf die Abenteuer, die dieses uns noch völlig unbekannte Land die nächsten 3 Wochen bringen wird.

Anstatt uns selbst darum zu kümmern, wo wir heute unterkommen, warten diesmal die Mutter und die Schwester von einer Bekannten hier in Deutschland auf uns. Sie sind schon seit 3 Stunden hier, obwohl sie uns gar nicht kennen und unser Flugzeug absolut pünktlich ist – sie hatten Angst zu spät da zu sein. Das gibt uns schon einen ersten Eindruck, wie wahnsinnig gastfreundlich und nett die Menschen hier sind. Nach der herzlichen Begrüßung fahren wir gemeinsam mit einem Taxi zu deren Haus. Dort angekommen, bekommen wir sofort ein eigenes Zimmer angeboten, für uns gekochtes Essen wird serviert und wir dürfen duschen. Unsere Gastgeberin hat sogar Baby-Pflegeprodukte für den Kleinen besorgt und ist ganz aus dem Häuschen, dass wir zu Besuch sind, freut sich wahnsinnig und würde Linus am liebsten ununterbrochen drücken und hochnehmen. Die Verständigung ist nicht immer einfach, dennoch versucht man uns ohne den Gedanken an eine Gegenleistung, jeden Wunsch von den Lippen abzulesen. Ich frage mich, ob mir in Deutschland oder einem anderen Ort der Welt schon mal so viel Gastfreundschaft von nahezu fremden Menschen zuteil wurde, aber mir fällt nichts ein.

Nachdem wir uns etwas ausgeruht haben, wollen wir gemeinsam ein wenig die Umgebung erkunden. Wir wollen laufen, unsere Gastgeberin möchte nicht, dass wir das müssen und vielleicht auch wegen der leichten Verständigungsprobleme bestellt sie lieber ein Tuk Tuk. Gemeinsam fahren wir umher, besuchen einen Schuhladen in dem sie mir und Linus Schuhe kauft. So schnell kann ich das gar nicht ablehnen, wie sie die Schuhe für ihn und für mich bezahlt. Ich habe ein bisschen ein schlechtes Gewissen, eigentlich müssten wir doch „Danke“ sagen und nicht noch Geschenke bekommen.

Wir fahren weiter zum Strand, sind jetzt mitten im Touristengebiet. Ich stelle fest, dass meine Vorstellung von einem touristischen Strand in Sri Lanka eine ganz andere war. Es ist dreckig hier, richtig dreckig. Ein paar wenige Einheimische sind mit ihren Kindern da und lassen ihre Beine vom Meer umspülen. Ein paar Meter entfernt von uns sehen wir einen Spielplatz mit zahlreichen sri lankischen Kindern und freuen uns, dass Linus hier auch etwas spielen kann. Der steuert direkt die Rutsche an. Noch ehe ich mich umschauen kann steht er oben auf der Rutsche, rutscht los und…. bricht mit einem Bein in das durchgerostete Loch auf der Rutschfläche und bleibt dort stecken.

Die Welt bleibt einen Moment lang stehen.

Wir holen ihn da raus. Aber Linus hat eine Schnittwunde, locker 3cm lang. Sie ist nicht besonders tief, aber es blutet, sieht schlimm aus und mir gehen sofort alle möglichen Szenarien durch den Kopf, was man sich alles durch einen Schnitt an einer rostigen Kante holen kann. Mein Kind weint bitterlich und ich ebenfalls, nur innerlich. Auf einmal ist alle Freude dahin, und in meinem Kopf bleibt nur noch übrig: Ich fühle mich hier fremd, ich habe Angst, ich will nach Hause! Will mich mit meinem Baby ins sichere, weiche, heimische Bett verkriechen und nichts mehr von alledem wissen. Ich bin sauer auf meinen eigenen Enthusiasmus, der mich mit Kleinkind in ein so fernes und fremdes Land geführt hat, in dem man Spielplätze nicht in Schuss hält und Kinder unbehelligt dorthin lässt.

Auch tief durchatmen hilft kaum… Die ersten Tränen sind bei Linus dennoch bald getrocknet und wir beschließen weiter zu ziehen. Unsere Gastgeberin kennt einen schönen sauberen Spielplatz, während ich nur meine Verantwortung sehe und nicht hin möchte, will sie dem Kleinen unbedingt die Freude machen. Wir lernen in den nächsten Tagen, dass ein guter Spielplatz Eintritt kostet und einen solchen besuchen wir nun. Doch ich bin nicht mehr entspannt, ich sehe mein Kind mit der Wunde, die wir nur dürftig versorgen können, den Dreck überall. Die zahlreichen Unterschiede zu unserer Heimat. Die Müdigkeit setzt uns allen zusätzlich zu. So wird es ein kurzer Besuch und ich bin froh, als wir wenigstens zurück im Haus sind. Dort angekommen waschen wir Linus, versorgen ihn mit Wundsalbe und bekommen wieder ein üppiges leckeres Abendessen. Doch ein bisschen zu viel ist es mir immer noch. In meinem Kopf schwirrt die Frage, was ich tun soll, wenn er Fieber bekommt, wenn doch eines der schlimmen Szenarien eintritt, an die ich nicht denken will.

Inzwischen ist es dunkel, doch anstatt zu schlafen bleibt mein Kind wach. In Deutschland ist es noch nicht Abend, sondern gerade mal nachmittag. Wir versuchen alles, tragen ihn stundenlang umher. Er ist erschöpft und wir sind es auch, denn wir selbst sind abgesehen von ca. 2 Stunden Schlaf im Flugzeug inzwischen seit über 40 Stunden wach. Ich denke an den Artikel von baertimussmit.de über den ersten Kulturschock in einem fremden Land und hoffe, Janina Breitling hat recht und ich befinde mich gerade in der harten Phase der Eskalation, muss mich nur noch etwas anpassen. Wir reden über unsere Gefühle, ob es denn richtig war, einem Kleinkind, das alles zuzumuten. Vergessen dabei, dass Schnittwunden auch in Deutschland (wenn auch eher nicht auf diese Weise) passieren können, dass es unserem Kleinkind von allen am meisten egal ist, hier zu sein, denn für ihn ist vieles zuhause in Deutschland noch immer genauso neu, wie für uns dieses Land. Für ihn ist es noch nichts besonderes, sich unbekannten Situationen anzupassen. Er ist dort zuhause, wo seine Eltern sind und sich um ihn kümmern. Um Mitternacht schläft er endlich ein und auch ich bin nicht mehr in der Lage, einen klaren Gedanken zu fassen, sondern falle in einen tiefen Schlaf. Und so endet dieser erste Tag mit eher negativen Gefühlen und das erste Mal überhaupt auf Reisen mit einem echtem Kulturschock. Nichtsahnend, dass es das wieder mal alles wert war und welch schöne Erlebnisse in den nächsten Tage noch auf uns warten.

Am nächsten Tag werden wir weiterreisen und den Jetlag auch schon überwunden haben. Leider jedoch hatten wir nur diesen einen Tag bei der lieben Familie in Negombo. Und trotz allem haben sie es geschafft, dass wir ein kleines zuhause bei ihnen hatten und uns durch ihre vorbehaltlose Gastfreundschaft aufgefangen! Als ich mit unseren Freunden in Deutschland schreibe, bekomme ich die Antwort: „So sind Tamilen.“  Ja, so eine andere Kultur kann viele schöne Seiten haben, von der wir uns, wenn wir uns öffnen, gerne etwas mit uns nach Hause nehmen und woran wir selbst wachsen können.

„Warum geht man fort?
Damit man zurückkehren kann,
um den Ort, den man verlassen hat,
mit neuen Augen und zusätzlichen Farben zu sehen.“
Terry Pratchett, Ein Hut voller Sterne

Ein paar Eindrücke dieses ersten Tages haben wir übrigens auch mit der Kamera festgehalten:

 
P.S.: Dies ist unser Beitrag zur Blogparade von frauschweizer.de – Zeig mir deinen Lieblings- Urlaubsbeitrag.

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