An alle Vollzeitmütter und Vollzeitväter…

Ich bin sehr, sehr früh, direkt 8 Wochen nach der Geburt wieder volle 40 Stunden in meinen Beruf zurückgekehrt und der Papa ist mit unserem Mini zu Hause geblieben. Ich hab nie (ok, bis auf 1, 2 Ausnahmen vielleicht ) die Worte „Dein Kind!“ gehört als ich nach Hause kam. Und die Zeit war sicher nicht immer leicht. Erst diese Woche hörte ich wieder von einem Vater, der sich darüber beklagte, dass seine Frau und Mutter seiner Kinder ihn mit diesen Worten begrüßt und sie sich gar nicht vorstellen könne, wie viel härter ein voller Arbeitstag ist.

Nun, was soll ich sagen, diese Woche war sehr, sehr arbeitsreich für mich. Ich kann also aus jüngster Vergangenheit nachempfinden, was ein wirklich voller Arbeitstag ist. Die Arbeitswoche ist jedoch glücklicherweise zu Ende und heute einer der Samstage an dem ich „alleinerziehend“ bin, da der Papa alle paar Wochen samstags arbeiten muss. Und natürlich gibt es so immer mal wieder Tage, die ich exklusiv mit Mini-Me verbringe. Das sind schöne, aber oft auch anstrengende Tage. Und zwar ganz anders anstrengend als Troubleshooting, Telefonkonferenzen und geistiges Arbeiten. Ich meine nicht die Tatsache, dass wir an diesem Tag zum 856. Mal dasselbe Buch durchblättern, Legotürme bauen oder Bälle durch die Gegend werfen. Nein, ich meine viel mehr die Zeit, in der ich mich frage, was eigentlich bei uns falsch läuft, warum immer der Teller und das Essen vom Tisch fliegt, warum ich auf dem Wickeltisch gekickt werde, an meinen Haaren gezogen oder vehement Süßigkeiten eingefordert werden und wenn es keine gibt, die Situation in einem theatralischen Wutausbruch endet. Warum ausgerechnet mein Kind nicht im Einkaufswagen sitzen bleiben will und draußen laufend immer andere Ziele vor Augen hat als ich. Also ich bin total auf der Seite der liebevollen, beziehungs- und bedürfnisorientierten Erziehung (oder auch „Beziehung statt Erziehung“, wie es im Internet gerne genannt wird) à la Jesper Juul, Alfie Kohn und Co. Aber diese ganzen Menschen, die statt all zu oft „Nein“ sagen zu müssen, lieber eine „Ja“-Umgebung schaffen wollen (Tschaka!), sollen mir doch mal bitte sagen, wie sie damit umgehen, wenn die Wohnung schon halb leer steht und die Erde der letzten verbliebenen Yucca-Palme aus dem Topf gebuddelt oder die Kabel der 5.1-Surround-Anlage, die einfach nirgendwo anders positioniert werden kann, heraus gezogen werden. Oder ob deren Kinder sich immer wunderbar mit sich selbst beschäftigen können, und in Ruhe spielen, wenn Mama nun mal kochen muss. Also mein Kind macht das nicht! Es weint darüber, dass nicht die volle Aufmerksamkeit bei ihm ist. Und wider den Tipps aus den Büchern, Internet und Freunden, liegen die Interessen meines Sohnes einfach nicht darin, mit einem Kochlöffel bewaffnet mitzuhelfen, sondern er möchte lieber die Arbeitsplatte abräumen, wenn er in deren Nähe kommt oder gleich den ganzen Salzstreuer ins Essen werfen. Es ist nur eine Phase, wuuuu-saaa! Es wird bald wieder besser, wuuuu-saaa! Tatsächlich habe ich meine Wut soweit im Griff, dass mein Kind sie hoffentlich kaum zu spüren bekommt, auch wenn es mir gerade den letzten Nerv raubt. Dennoch ist sie auch bei mir hin und wieder da und zurück zum eigentlichen Thema: Das den ganzen Tag immer wieder mitzumachen ist schon echt ne Hausnummer! Da ist 12 Stunden lang Bits und Bytes durch die Gegend schieben weniger emotional und ermüdend.

Also an alle Vollzeitmütter und Vollzeitväter, ihr leistet einen grandiosen Job! Ihr müsst so oft die Wut eures Nachwuchses aushalten, immer wieder hunderte von Legosteinen aufräumen, wickeln, waschen, Zähne putzen, Tränen trocknen, in den Schlaf begleiten. Ihr bereitet liebevoll das Essen passend für den Nachwuchs vor, das trotzdem allzu oft verschmäht wird. So gut wie nie hört ihr ein „Danke“ für all das. Im Gegenteil – ihr werdet bei all dem oft nicht mal ernst genommen, weil ihr keiner „richtigen“ Arbeit nachgeht. Ihr würdet auch mal gerne eine Pause machen, allein sein und raus gehen, einen Kaffee trinken und die ganze Verantwortung hinter euch lassen. Wahrscheinlich habt ihr allein schon wegen dieser Gedanken Schuldgefühle. Es ist wirklich schön, dass es euch noch gibt, die ihr eure Zeit den ersten Jahren dieser kleinen Menschen hingebt und eure eigenen Bedürfnisse auch mal zurückstellt. Ich liebe mein Kind von ganzem Herzen, aber manchmal ist Arbeiten gehen eben auch ganz ein kleines bisschen wie Urlaub – und so freue ich mich dann umso mehr auf die gemeinsame Zeit mit ihm. Doch ihr Vollzeitmütter und Vollzeitväter nehmt diese Kraft jeden Tag ganz aus euch heraus. Wo es früher hieß „um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf“, wuppt ihr das Ding heute fast ganz alleine. Ihr habt wirklich meinen vollen Respekt!

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